Migrationsamt in Rostock setzt unmenschliche Gesetze um

Das Migrationsamt (ehem. „Ausländerbehörde“) hat Montag Nacht um 21:00 Uhr zehn Menschen nach Albanien abgeschoben. Unter ihnen waren mehrere schwangere Frauen. Der Ehemann einer Frau in einer Risikoschwangerschaft wurde ebenfalls abgeschoben, die Familie wurde getrennt. Das Migrationsamt setzt damit auf grausame Art die neueste Gesetzesverschärfung durch: Abschiebungen finden nun nachts und unangekündigt statt, auf Familien wird keine Rücksicht genommen.

„Was da Montag Nacht in der Unterkunft passiert ist, entbehrt jeder Menschlichkeit: Eine Familie wurde auseinandergerissen. Obwohl die Komplikationen in der Schwangerschaft bekannt waren, ist die Frau nun auf sich alleine gestellt,“ so Julia Reichart von „Rostock hilft“. „Die Familie hatte in der Situation mehrmals angeboten, in den kommenden Tagen freiwillig das Land zu verlassen, doch erwidert wurde ihnen: Es ist Gesetz, dass ihr verheiratet seid, zählt nichts.“

Die neue Regelung zur Umsetzung von Abschiebungen wurde erst vor Kurzem von Innenminister Caffier und auch auf Bundesebene so beschlossen. Sie präsentieren dies als humanistischen Akt, da nur so die Unterbringung von Bürgerkriegsflüchtlingen zu gewährleisten sei. Verschiedene Flüchtlingsorganisationen haben die Aussetzung des sogenannten „Nachtabschiebeerlasses“ scharf kritisiert.

„Im vorliegenden Fall offenbart sich die ganze Grausamkeit dieser Regelung: Auf eine unangekündigte Abschiebung kann man sich nicht vorbereiten, nicht psychisch und nicht emotional. Den Familien wurden zehn Minuten Zeit eingeräumt, ihre Sachen zu packen,“ so eine der aktiven „Rostock hilft“-HelferInnen in der Unterkunft.

Die Auswirkungen unangekündigter Abschiebungen werden seitens der Landes- und Bundesregierung billigend als „abschreckende Maßnahmen“ in Kauf genommen. An jedem einzelnen Schicksal offenbart sich, wie menschenverachtend diese Praxis ist. Für die Betroffenen bedeutet die Regelung ein Leben in ständiger Unsicherheit und eine mögliche Retraumatisierung durch die unangekündigte Ausnahmesituation.

Unabhängig von der gesetzlichen Lage: Familiäre Interessen können bei einer Abschiebung durchaus berücksichtigt werden. Dies liegt im Ermessen des zuständigen Sachbearbeiters.

Eine der betroffenen Asylbewerberinnen teilte „Rostock hilft“ noch fassungslos mit: „Das kann so nicht sein. Als die Polizei vor uns stand, dachte ich nur: Ich bin keine Verbrecherin. Sie müssen uns doch vorher Bescheid sagen. Wenigstens den Familien. Das wäre alles ganz anders, wenn wir uns darauf hätten vorbereiten können, nur ein oder zwei Tage.“

„Rostock hilft“ verurteilt aufs Schärfste das Vorgehen des Migrationsamtes. „Die Hansestadt kann durchaus ein weltoffenes und antirassistisches Image inszenieren. Der Fall macht deutlich, wie es im zuständigen Amt um Menschlichkeit und Empathie bestellt ist“, so eine Helferin in der betroffenen Unterkunft. „Rostock könnte ganz klar ein Signal für einen halbwegs fairen Umgang mit Asylsuchenden auch nach ihrer Ablehnung senden: Eine Abschiebung muss nicht so aussehen, die Behörden haben immer Spielraum, den sie nutzen können. Hier geht es um Menschenwürde und den Schutz der Familie, also Grundrechte. Im Mindesten aber kann man einen Funken Anstand erwarten.“

Essen für Bahnhof und Terminal – Sammeln am Marktstand

Wer sich öfter in der KTV bewegt, dem ist bestimmt schon der etwas andere Marktstand vor einem der großen Supermärkte im Stadtteil aufgefallen: Hier kaufen die Kund*innen nichts, sie geben etwas ab, nämlich Lebensmittel, Hygieneartikel, Wasser, und andere Dinge, die am Bahnhof oder Terminal für die Versorgung der Geflüchteten gebraucht werden.

Seit 10 Wochen stehen jeweils zwei Menschen jeden Tag 6 Stunden hinter einem kleinen improvisierten Stand und verteilen „Einkaufszettel“ an Leute, die eigentlich ihren eigentlichen Bedarf decken möchten. Sie sammeln Spenden für „Rostock hilft“. Das Prinzip ist ganz einfach: Zum Beispiel eine Packung Taschentücher extra kaufen und in den Einkaufskorb neben dem Stand werfen. Was aktuell benötigt wird, ist in großen Lettern zu lesen. Die Crew sucht aktuell Verstärkung.

So schön vollgepackt sieht so ein EInkaufskorb mit Spenden dann aus.
So schön vollgepackt sieht so ein EInkaufskorb mit Spenden dann aus.

Einige der Vorbeieilenden kennen das Prinzip und fragen nur hastig: „Was braucht ihr denn heute?“ „Dasselbe wie immer, aber ganz aktuell gerne Brot und Käse für die Schmierstraße!“ „Ach Schmierstraße? Was ist das denn?“, und schon entsteht ein kurzes Gespräch und Infos über die Versorgung der ankommenden Geflüchteten am Hauptbahnhof gehen über den Tresen. Am Stand wird nicht nur Ware eingesackt, auch öfter mal Infos verbreitet.

Hauptsächlich kommen die Spenden von jungen Menschen und Familien. Generelle Urteile über die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung möchte XX von der Stand-Crew nicht anstellen: „Wir stehen hier ja in der KTV. Das ist bestimmt was anderes als diese Aktion in einem weniger finanzkräftigen Viertel zu starten. Das Publikum ist eher studentisch und von jungen Familien geprägt.“
Das Tages-Soll liegt bei vier vollen Einkaufswägen. „Team Terminal und Bahnhof geben ab und an Rückmeldung: Die Spenden, die hier mal losgefahren sind in Richtung der Geflüchteten kommen dort an und die Leute freuen sich darüber.“

Negatives Feedback zum Stand nimmt die Crew gelassen auf: „Klar kommen auch mal blöde Sprüche, einige sind total skurril. Z.B. warf mir einer mal entgegen: „Wenn du arbeiten würdest, müsstest du nicht betteln!“ Da hat er wohl beim Pöbel-Memory die falsche Karte aufgedeckt. Außerdem sind wir hier Schuld, wenn den Deutschen das Essen ausgeht, weil die Geflüchteten alles bekommen und falls in Deutschland Bürgerkrieg ausbricht, liegts auch an diesem Stand. Ihr seht: Eine Aufgabe mit enormer gesellschaftlicher Tragweite, die wir hier machen.“
Fürdie kalten Wintermonate sucht das Team am Stand Verstärkung. Derzeit könnt ihr unter der Woche zwischen 16 und 22 Uhr Dinge einkaufen und gleich wieder abgeben. Am Wochenende zwischen 14 und 22 Uhr. Das soll auch so bleiben, nur dass die Schichten zweigeteilt werden sollen. „Es wird ganz schön kalt hier! Da machts schon einen Unterschied, ob du drei oder sechs Stunden stehst.“ Wer es sich vorstellen kann, mal reinzuschnuppern oder längerfristig mitzuhelfen, kann einfach die Leute am Stand ansprechen. Oder ihr ruft beim Infotelefon an und hinterlasst eure Nummer. Ab heute gibt es außerdem einen Schichtplan für den Stand, wo ihr euch eintragen könnt.

„Trotz Kälte und gelegentlicher blöder Kommentare, macht das hier wirklich Spaß: Die Leute, die spenden, gehen mit einem Lächeln an dir vorbei. Man führt immer wieder interessante Gespräche und trifft vieleLeute. Ich kann den Job nur empfehlen.“

Wenn ihr jetzt lust habt mitzumachen, meldet euch am besten per WhatsApp beim Info-Telefon, damit wir euch zur Spendensammel-WhatsApp Gruppe hinzufügen können.
Nummer: 0163 / 271 43 45

Sammel-Abschiebungen und Asylrechtsverschärfung – Eine unmenschliche Praxis

Über ein bundesweites Netzwerk sind vor einigen Tagen voraussichtliche Termine für Sammelabschiebungen vom Flughafen Baden-Airport bei Karlsruhe nach Albanien veröffentlicht worden. Zu erwarten ist, dass auch aus MV wieder eine größere Anzahl Asylsuchender von dieser Maßnahme betroffen sein wird. „Rostock hilft“ kritisiert sowohl die letzten Gesetzesverschärfungen als auch die hinter der Maßnahme stehende undifferenzierte Kategorie „Sicherer Herkunftsstaaten“.

Aller Voraussicht nach kommt es in der Nacht vom 25. zum 26. November zu Abschiebungen aus MV. Ein genaues Datum lässt sich der derzeitigen Abschiebepraxis nach nicht mehr festmachen. Am 28. Oktober hatte die Landesregierung zuletzt die Abschiebung von landesweit 140 Albaner*innen erst nach dem Vollzug bekannt gegeben.

„Die Bundesregierung hat sich das so gedacht: Überraschungseffekt! Abschiebungen werden nicht mehr angekündigt und finden nachts statt“, so Florian Fröhlich von „Rostock hilft“. „Das macht es Asylsuchenden nahezu unmöglich, sich psychisch auf die belastende Situation einzustellen, sich von Freunden und Bekannten zu verabschieden oder gegebenenfalls weitere rechtliche Schritte einzuleiten.“ Wer erst einmal abgeschoben ist, hat im Nachhinein keine Möglichkeit mehr sich rechtlich zur Wehr zu setzen. Das Recht der Asylsuchenden auf gerichtliche Überprüfung dieser folgenreichen behördlichen Maßnahme besteht somit nur noch auf dem Papier.

Albanien ist seit 2015 ein sogenanntes „sicheres“ Herkunftsland. Amnesty International kritisiert ungeahndete Foltervorwürfe, die Situation der Roma in Albanien, sowie nach wie vor weit verbreitete häusliche Gewalt und Diskriminierung von Homosexuellen.

„Von einem pauschal gesprochen „sicheren“ Land kann also nicht die Rede sein. Genau deswegen ist es wichtig, jeden einzelnen Fall zu prüfen!“, sagt Florian Fröhlich.

Die Konstruktion sogenannter „sicherer“ Herkunftsländer untergräbt de facto das Grundrecht auf Asyl. „Dieses Grundrecht ist ein individuelles Recht: Jeder Mensch hat das Recht, ein faires Verfahren zu bekommen, in dem seine oder ihre Asylgründe angehört werden“,so Florian Fröhlich weiter.

Vom Flughafen Baden-Airport aus fanden in den vergangenen Jahren immer wieder Sammelabschiebungen statt. Auch die letzte große Abschiebung aus MV fand nicht von einem Flughafen innerhalb des Bundeslandes statt. Abschiebungen werden vermehrt in Charterflügen, nicht mehr im gängigen Passagierverkehr durchgeführt. Vermehrte Aktionen des Zivilen Ungehorsams, bei denen sich Mitreisende oder PilotInnen weigerten, los zu fliegen, veranlassten die Bundesregierung zu einem Strategiewechsel.

Die von der Bundesregierung verabschiedeten Verschärfungen des Asylrechts sind unmenschlich“, so Florian Fröhlich von „Rostock hilft“. „Sie führen zu ständiger psychischer Belastung: Verunsicherung, Unsicherheit und völlige Unplanbarkeit des eigenes Lebens. Die Regelung ist ein Schritt zurück in eine humanitäre Steinzeit.“

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