2016 – Ein Rückblick aus Sicht der Unterstützenden

2016 war ein Jahr voller Ereignisse, die uns bewegt haben. Die uns auch besonders bewegt haben, weil die Welt für uns, die wir unseren Alltag mit den Geflüchteten und Asylsuchenden aus so vielen Ländern teilen, sehr nahe rückt.

Aleppo is burning – again and again und die Welt sieht zu. In Afghanistan sterben die Verwandten unserer Freund*innen wie Fliegen, durch Terror, durch Taliban und den Islamischen Staat, aber eigentlich ist es dort „sicher“, wie uns die Bundesregierung versichern will. Im Iran gibt es keine Freiheit, trotzdem verhandelt Deutschland auf einmal über Wirtschaftsabkommen. Ghana hat zwar einen neuen Präsident, aber noch immer nicht genug Perspektiven für diejenigen, die dort geboren werden. In Mauretanien kann man nicht als Atheist leben und Demonstrationen gegen die Regierung können tödlich enden. Und das Regime in Eritrea knechtet weiter. …so viel mehr Geschichten müssten erzählt werden.

Rostocker Beteiligung bei der Demo gegen Abschiebungen nach Afghanistan im Dezember 2016 in Berlin.

„Rostock hilft“ ist nicht nur eine Plattform, nicht nur eine lose Gruppe an Menschen, die irgendwie Irgendwas besser machen wollen. Begonnen 2015 hat sich #hrohilft zu einem Verein entwickelt, der vielen Menschen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen Raum bietet, ihre Ideen zu verwirklichen. Der uns hier in Rostock die Möglichkeit eröffnet, aus der Untätigkeit unserer modernen Abgeschiedenheit heraus zu finden und deutlich das umzusetzen, was auf so vielen Ebenen gebraucht wird: Kleiderspenden nicht nur hier vor Ort sondern auch in die Ukraine und ins Nordfranzösische Calais, eine symbolische Blockade der Abschiebungen vom Flughafen Rostock-Laage im Mai, Unterstützung bei der Wohnungssuche und -einrichtung, Musikprojekte in den Unterkünften, Kinderbetreuung, Begleitung bei Unzähligen Behördengängen, Unterstützung für die Anliegen der Asylsuchenden, z.B. der Demonstration syrischer Geflüchteter in Erinnerung an Aleppo im Oktober oder eine gemeinsame Fahrt zur Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan mit einer Gruppe Afghan*innen.

„Rostock hilft“ will 2017 vermehrt Räume schaffen, in denen wir (Alteingesessene, Rostocker*innen, Kartoffeln und schon länger Zugezogene) diejenigen treffen, deren Geschichten uns von dem berichten, was falsch läuft in der Welt. Wo wir einander freundschaftlich begegnen können, in einer Atmosphäre, die es ermöglicht, zu sprechen und sich zu zu hören. Räume, die uns, die wir nicht in diesem System stecken, begreiflich machen, was ein Leben im Heim bedeutet. Wie die ständige Angst vor Abschiebung den Kopf kaputt macht. Und mit welchen Träumen Menschen nach Europa kommen.

Spendentransport nach Calais im Norden Frankreichs wo Tausende Geflüchtete auf vergeblich auf die Weiterreise nach Großbritannien warteten.

Als erster Ort des Zusammentreffens wird im Januar die Kleiderkammer „Boutique sans frontries“ eröffnen. Die ist für alle gedacht: Geflüchtete wie Deutsche, eben alle, die Bedarf haben. Mittelfristig sind wir zudem auf der Suche nach Räumen für ein Begegnungs-Café und natürlich für Geld um eben jenes bezahlen zu können. Ein Beratungsprojekt soll 2017 die Asylsuchenden in ihren Rechten stärken und der Willkür der Behörden Information und Transparenz entgegensetzen.

Wir hoffen, Euch, die ihr dies lest, mit dabei zu haben. Denn seid euch sicher: „Rostock hilft“ bleibt ein Netzwerk, dem sich weiterhin alle anschließen können, die die Grundidee teilen: Unterstützung für Asylsuchende und Geflüchtete – auf Augenhöhe und miteinander!

Rostock ist ein Fleckchen Erde, auf dem wir uns alle hier mehr oder weniger zufällig versammeln. Verschiedene Aktive haben das Jahr über verschiedene Orte Europas besucht, auch mit dem Blick für die Situation der Asylsuchenden. Eine Gruppe reiste im Februar entlang der Balkan-Route, einige Helfer_innen schlossen sich ab September See-Not-Rettungs-Missionen der Sea Eye an und suchten Eindrücke des „Hot Spot“- Systems an den Außengrenzen zu erhalten.

Für uns als Unterstützer_innen bot das Jahr 2016 viele schmerzvolle Momente, in denen uns klar wurde, wie sehr vom Mythos Europa als „frei – gleich – brüderlich“ doch nichts bleibt als ein matter Glanz. Die Erzählung wird brüchig.

Anti-Rassistisches Stadtteilfest in Groß Klein im Juni 2016.

Da vergisst die deutsche Bundesregierung ganz ungeniert Grundsätze wie die Gleichheit: Für die Einen, die Deutschen, gibt es die Freizügigkeit, während sie für die Anderen, die neu Angekommenen seit Juni nicht mehr gibt. Für Manche gibt es so etwas wie Freiheit, ein Leben in Würde und Selbstbestimmung, für die anderen gibt es „Ankunftszentren“, die sie nicht mehr verlassen dürfen, wenn sie aus einem als sicher definierten Herkunftsland kommen. Für einige Wenige treten wir brüderlich und mit viel Mitgefühl auf – für die Anschlagsopfer in Nizza, in Berlin, während für andere kaum eine Träne übrig bleibt: Für die Toten in Aleppo, für die ertrunkenen im Mittelmeer, für die Vertriebenen von Calais.

„Rostock hilft“ ist der Versuch vor Ort solidarisch zu sein. Die Wege zueinander zu bauen und an einer Gesellschaft zu basteln, die freier wird statt ängstlicher. Wir wünschen Euch in diesem Sinne einen guten Rutsch ins neue Jahr! Wir hoffen, ihr findet irgendwo zwischen Weihnachten und Neujahr viel Elan und Schwung, Euch 2017 bei „Rostock hilft“ oder in anderen Projekten einzubringen! Kopf hoch und durch!

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