Team Balkan HRO #4: Die Insel Kos

Es bleibt in Idomeni an der Grenze griechisch-mazedonischen Grenze weiter ruhig – das macht uns langsam selbst unruhig, daher beschliessen wir jetzt doch auf eine Insel zu fahren. Wir entscheiden uns für Kos, da hier eine gute von Locals getragene Struktur vorhanden sein soll.

Wir lassen das Auto in Thessaloniki und fahren mit dem Zug nach Athen, dann mit der Nachtfähre nach Kos.
Mit uns an Bord der „Blue Star Ferry“ ist eine große Gruppe junger Männer mit Hooliganausstrahlung. Beim Anlanden sehen wir wie diese ca 60 in drei große Polizeibusse steigen – Aufstockung wegen des neuen Hotspots?

Das Spenden-Lager erinnert uns stark an das heimische Grüne Ungeheuer
Das Spenden-Lager erinnert uns stark an das heimische Grüne Ungeheuer

Bereits am Anleger treffen wir die Nachtwache von „Kos Solidarity“. Ganz in der Nähe des Piers an dem die Küstenwache Boote von Geflüchteten anlanden lässt (jedenfalls in den Fällen, in denen diese nicht frühzeitig abgedrängt und wieder Richtung Türkei geschleppt werden) stehen sie mit Kleidung, Schuhen, Schlafsäcken und Essen.

Wir lassen uns erklären wo das „Warehouse“ – also das Spendenlager ist und treffen dort etwas später auf Freiwillige aus Deutschland, Australien und aus Griechenland. Die nächsten Stunden führen wir intensive Gespräche, machen eine Tour über die Insel und bekommen dabei folgende Eindrücke:

Struktur vor Ort

Kos hat zwei große Strände. An beiden kommen vorwiegend zwischen abends um zehn und morgens um acht Boote mit Geflüchteten aus der nur 5 km entfernten Türkei an. Boote auf Kos haben nur im Schutze der Nacht oder Dämmerung die Chance an der türkischen Küstenwache vorbeizukommen Aktuell ist auch hier die Lage ruhig. In den letzten Nächten kamen keine bis maximal 60 Menschen an. Stärker ausschlaggebend als die starken Patrouillen von NATO und Frontex wird hier der starke Seegang eingeschätzt. „Auch mit Patrouillen gibt es sonst Wege“.

Nicht das einzige Schiff der Küstenwache auf Kos.
Nicht das einzige Schiff der Küstenwache auf Kos.

Die Boote, die um die Kontrollen auf dem Wasser herumkommen werden entweder von der hier aktiven italienischen Küstenwache an Land von Kos gebracht oder sie erreichen selbstständig und quasi „unter dem Radar“ die Strände. Da beim Anlanden viele Unfälle passieren, die Menschen klatschnass und meist ohne jegliche Habseligkeiten aus den Booten klettern, patroullieren sowohl „Kos Solidarity“ als auch andere NGOs wie „Team Sweden Volunteers“, „ Human 2 Human“ und das UNHCR zu Fuß oder mit Autos und Bussen am Strand. Nicht immer geht alles gut. Die Helfenden hier erzählen viele Geschichten von Ertrunkenen und stark verletzten Menschen.

Die Menschen, die es an Land schaffen werden von „Kos Solidarity“ grundversorgt und dann vom UNHCR „eingesammelt“, direkt zur Polizeistation gebracht, hier werden Fingerabdrücke abgenommen und alle Ankommenden registriert. In einem zweiten Registrierungsschritt wird am nächsten Tag der griechische 30 Tage gültige Reisewaver ausgestellt. Hier ist es noch ganz egal wer woher kommt. Nur mit diesem Reisewaver ist es möglich ein Ticket für die Fähre nach Athen zu kaufen.

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Das UNHCR Camp wird erst für die Unterbringung von Geflüchteten genutzt, wenn die drei von UNHCR und Save the Children gezahlten Hotels voll sind.

Bis zur Abreise Richtung Athen sind die Menschen in Hotels und Camps untergebracht. Das UNHCR hat Verträge mit einigen Hotels, bis zu 300 Menschen finden hier Platz. wenn die voll sind, kommen Geflüchtete in ein Camp nahe des Hafens. Die Verpflegung übernimmt auf Kosten des Mercy Corps ein Restaurant. Mittags und Abends gibt es hier in netter Atmosphäre warmes Essen und ein social get together. Insgesamt scheint die Struktur sehr gut, jedoch nicht für große Menschenzahlen geeignet. Bei größeren Zahlen Ankommender war die Situation in den letzten Wochen wohl dramatisch, so dass viele auf der Straße schlafen mussten.

Freiwilligen Struktur

Schon vor den offiziellen NGOS war „Kos Solidarity“ stark engagiert. Dieses lokale Netzwerk besteht aus ca. 20 aktiven Menschen von der Insel. Seit letztem Oktober werden sie finanziell und personell durch den deutschen Verein „Flying Help“ unterstützt.

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Bevor MSF, UNHCR und die anderen „Großen“ auf der Insel ankamen sorgte „Kos Solidarity“ auch für die Verpflegung und die Unterkunft. Jetzt kümmern sie sich hauptsächlich um das Spendenlager, das gleichzeitig als Büro und Treffpunkt dient, und die Nachtschichten. Die Engagierten von hier die neben ihren Berufen, in ihrem Alltag die Zeit finden mal eben noch 300 Portionen Essen zu kochen, nachts mit dem Motorroller Patrouille zu fahren, Verletzte ins Krankenhaus zu bringen – und morgens wieder zur Arbeit zu gehen hinterlassen Eindruck bei uns.

Politische Kämpfe

Allerdings kann auch die vor Ort sehr gut erscheinende Struktur schnell an seine Grenzen kommen. So fassen die drei Hotels und das kleine Camp lediglich 350 Personen. In den Hochzeiten im vergangenen Jahr kamen jedoch an einigen Tagen allein 1.500 Menschen auf der kleinen Mittelmeer-Insel an. Die Menschen sind dann dazu genötigt auf der Straße zu schlafen. Uns wurden immer wieder dramatische Szenen beschrieben.

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Die ehemalige Unterkunft im mitlerweile geschlossenen „Captain Elias“.

Das die Struktur nicht weiter ausgebaut wurde und sich die humanitär kaum tragbare Szenerie des letzten Jahres wiederholen kann, hat vor allem politische Gründe, berichten uns Aktive von „Kos Solidarity“. So macht der Bürgermeister von Kos immer wieder Probleme, um der Regierung Unvermögen attestieren zu können. Oder wie uns von Leuten vor Ort auch den Bürgermeister beschrieben: „He’s a racist.“ So kündigte er wohl bei der Ankunft der ersten Geflüchteten an diesen „keine Flasche Wasser“ zu geben und lies in Folge der steigenden Zahlen schutzsuchender Menschen die öffentlichen Toiletten im Ort schließen.

Auch das über private Kontakte bereit gestellte ehemalige Hotel „Captain Elias“ bot zumindest einen Ort zum verweilen, als im letzten Sommer täglich bis zu 1500 Menschen auf der Insel ankamen, lies der oberste Insel-Politiker schließen. Die Sanitäranlagen waren wohl unzureichend, durch die Aktivitäten von Kos Solidarity und MFS wurde das Gebäude aber mehr und mehr in Stand gesetzt. Dieses wurde dann vom Bürgermeister unterbunden – die Geflüchteten und Aktiven durch die Polizei aus dem Gebäude geräumt. Bis heute ist es umzäunt und fest verschlossen.

Der Hotspot – Proteste und überraschende Unterstützer*innen

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„OXI Hotspot“ – „Nein zum Hotspot“, Demoplakat.

Einer der Gründe der in den vergangenen Tagen unser Augenmerk auf Kos als möglicher Anlaufpunkt richtete, war der Bau eines sogenannten Hotspots, der von heftigen Protesten auf der Insel begleitet wurde.

Bereits zum zweiten Mal wird grade versucht ein Hotspot auf der Insel fertig zu stellen der 1.500 Leuten Raum geben soll. Dieser wird sehr unterschiedlich betrachtet. Manche fürchten, dass hier eine Art Deportationscamp errichtet wird, dass die Geflüchteten aus dem Gebäude mitten auf einem Militärgelände nicht selbstständig ein und ausgehen können, dass hier keine NGO´s mehr erlaubt sein werden, dass Refugees bereits hier „sortiert“ werden und die illegalisierten zurückbehalten beziehungsweise deportiert werden, ohne weitere Chance ihre Zielländer in Europa zu erreichen, geschweige denn ihr individuelles Grundrecht auf Asyl wahrnehmen zu können.

Andere fürchten, dass dieser Hotsport eine Art Anreiz für weitere Geflüchtete darstellen wird, dass es ihnen dadrin „zu gut“ gehen werde, dass die Insel und die einzelnen Unternehmen Schaden nehmen werden, da Geflüchtete schlecht für den Tourismus seien. Wieder andere finden nicht gut, dass die Geflüchteten dann nicht mehr in den lokalen Shops einkaufen und so nicht mehr ein positiver Wirtschaftsfaktor sein werden.

Am ersten geplanten Hotsport haben aufgebrachte Inselbewohner*innen 24/7 gecampt und protestiert, so wurde letztlich wirklich ein anderer Ort gefunden: ca 15 Kilometer außerhalb der Stadt Kos, auf einem Hügel inmitten einer großen Militärbasis, umgeben von einem hohen Zaun. Wir werden vor Ort von einem Mann in Zivil, der sich selbst als „some kind of private detective“ bezeichnet, abgehalten überhaupt bis an den Zaun zu kommen. Er gibt uns aber seine Meinung preis: der Protest sei unnötig, da 1500 Leute nicht viel wären für eine so große Insel.
Auch vor dem neuen Hotspot gab es schon gewalttätige Proteste. Die Leute von Kos Solidarity glauben, dass auch dahinter der Bürgermeister steckt und die Menschen aufwiegelt: „Wenn du die fragst, dann wissen die gar nicht, wogegen die eigentlich genau protestieren.“

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Der im Bau befindliche Hotspot, bewacht von Polizei.

Der Hotspot selbst befindet sich noch im Bau und wir sehen lediglich den Rohbau und Kräne aus der Ferne. Es bleibt trotzdem ein eher ungutes und mulmiges Gefühl.

Grenzsituation

Unsere Nachtschicht bleibt ruhig, es kommt niemand an. Aber wir hören am nächsten Tag von „Team Sweden Volunteers“ und deren Patrouille, dass sie am Strand eine große Gruppe „merkwürdig aussehender“ Menschen gesehen haben, mit Autos. „Was machen die da, mitten in der Nacht, unter der Woche, an den Plätzen wo wir immer sind? Warum machen die Fotos von uns im Vorbeifahren? – Wir sind nicht ausgestiegen, wir hatten Angst vor denen“, berichtet eine Helferin.

Mit dem Nachtsichtgerät hat die Patrouille von einem anderen Punkt aus dann gesehen, wie erst ein vermutliches Flüchtlingsboot auf die griechische Küste zuhielt, dann ein anderes Boot (nicht markiert als Küstenwache oder ähnlichem) auftauchte und dann das vermutliche Flüchtlingsboot auf einmal verschwand. Dies deckt sich mit Berichten die Human Rights Watch auf anderen Inseln gesammelt hat, wonach maskierte Männer auf Boote ohne Hoheitsabzeichen oder Markierungen unterwegs sind, die gezielt die Motoren der Boote zerstören und/oder Geflüchtete in ihren Booten wieder Richtung Türkei schleppen.

Nur 5 km bis in die Türkei: links die Küste von Kos, rechts die türkische Stadt Bodrum.
Nur 5 km bis in die Türkei: links die Küste von Kos, rechts die türkische Stadt Bodrum.

Hier auf der Insel ist die Idiotie der Fluchtroute besonders deutlich vor Augen. Die türkische Küste ist nur 5 km entfernt, wir können Häuser sehen. Regelmäßig fahren kleine Fährboote nach Ismir und zurück – allerdings ohne Geflüchtete mitzunehmen. Es ist ein widerliches Gefühl dieser Seite nur darauf zu warten ob Menschen es unbeschadet rüber schaffen, oder ob wieder Boote kentern, Menschen ertrinken. Safe passage now!

Langsam kommen auf den Inseln wieder mehr Menschen an, nur auf Kos bleibt es grade noch relativ ruhig. Wir hören immer wieder von Push Backs an den verschiedenen Grenzen, davon, dass der Parkplatz in Polykastro jetzt wieder ein temporäres Camp für bis zu 1000 Leuten ist, davon, dass auf der Insel Kastellorizo (mit nur 300 Einwohnenden ) grade 900 Menschen warten, auf einer unbewohnten Insel daneben nochmal 300 Leute.
Wir sind geschockt von den immer krasseren und menschenverachtenden Maßnahmen an den Grenzen, täglich wird es heftiger. Was wir als nächstes tun sollen, wissen wir noch nicht.

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